Auktion: 5 Tage
Stand 11.06.2026
In vergoldetem Rahmen.
Ein Gemälde mit der Darstellung „Europa mit drei Putti, hoch sechs Palmi und breit acht Palmi” wird bereits 1685 im Inventar der Gemälde von Vittoria Paratici, der Witwe Gian Domenico Cerrinis, erwähnt. Es gelangte anlässlich ihrer zweiten Heirat als Mitgift in ihren Besitz (siehe Ausstellungskatalog F. F. Mancini, Anhang Nr. 56, Beitrag von F. F. Mancini). Beschreibung und Maße entsprechen dem hier behandelten Gemälde des Raubs der Europa, das vor einigen Jahren auf dem Kunstmarkt erschien und sich heute in einer Privatsammlung befindet.
Bis heute sind keine weiteren Fassungen dieser Komposition bekannt. Sie lässt sich überzeugend in die 1650er-Jahre datieren, möglicherweise in die günstigste Schaffensphase Cerrinis, begünstigt durch seine Beziehungen zu bedeutenden Persönlichkeiten des römischen Mäzenatentums, darunter die Familien Spada, Antonio Barberini, die Colonna und die Rospigliosi (vgl. hierzu die Katalogbeiträge von F. F. Mancini und A. Marabottini). Zu dieser Zeit hatte der Künstler bereits eine eigenständige Bildsprache entwickelt, die den bolognesischen Klassizismus mit den barocken Bestrebungen nach Leichtigkeit und Bewegung verbindet. Es entsteht ein ausgewogener Kompromiss zwischen beiden Strömungen, aus denen der Künstler frei schöpft und dabei eine unverwechselbare persönliche Handschrift entwickelt. Charakteristisch sind die feinen, aber kühlen Farbabstufungen, die weich fallenden Gewänder und das diffuse Licht, das die gesamte Komposition durchzieht und die Erzählung biblischer und mythologischer Geschichten in eine arkadische Stimmung verwandelt. Im Raub der Europa zeigt sich die Auseinandersetzung mit Werken der bolognesischen Schule, deren Einfluss insbesondere in der Gestaltung der geraubten jungen Frau sichtbar wird. Die Komposition wird durch eine Palette aus Rosa-, Grau- und Blautönen veredelt, die übereinandergelegt sind und ein sanftes transparentes Helldunkel erzeugen, das die Gewänder und die vom Meereswind bewegten Stoffe umhüllt.
Zu den ikonographischen Vorbildern zählt wahrscheinlich Francesco Albanis (1578–1660) Raub der Europa, das von Girolamo I Colonna erworben wurde und seit Ende der 1640er-Jahre in der Galerie seines römischen Palastes nachweisbar ist; für diesen Mäzen schuf Cerrini um 1650 auch den Heiligen Sebastian (F. F. Mancini, Kat.Nr. 17). Im Vergleich zu Albanis Werk weist Cerrinis Gemälde zahlreiche Variationen in Komposition und Farbgebung auf. Die schillernden Farbtöne unterscheiden sich deutlich von Albanis hellen und emaillierten Farben.
Eine weitere wahrscheinliche Inspirationsquelle bilden die zahlreichen Fassungen des Raubs der Europa von Guido Reni (1575–1642) (beispielsweise die Version der National Gallery in London, ehemals Sammlung Mahon), die von Simone Cantarini gestochen wurden. Wie bei Reni, jedoch ohne dessen psychologische Tiefe zu imitieren oder sich einer allzu offensichtlichen Abhängigkeit hinzugeben, verfolgt Cerrini eine Suche nach Anmut und Harmonie, die auf die klassische Skulptur und die Werke Raphaels (1483–1520) zurückzugehen scheint.
In der Wiederaufnahme der akademischen Tradition der Bologneser Schule, die diesem Gemälde ebenso zugrunde liegt wie anderen Werken seiner Reifezeit – etwa dem Christus und die Samariterin oder Apollo und die Cumäische Sibylle (F. F. Mancini, Kat.Nr. 18 und 38) – lassen sich jene stilistischen Merkmale erkennen, die sein gesamtes Schaffen prägen: die sorgfältig ausgearbeitete Büste der Europa, die raffinierte Verschlingung der Bänder sowie die in Falten gelegten Gewänder an Hüften und Ärmeln, deren Säume sich in eleganten Voluten bewegen. Dieselben Motive finden sich in zahlreichen allegorischen Figuren wieder, die Cerrini seit den 1660er-Jahren schuf.
Auch die rundlichen Putti, die sich mit ihren goldenen Pfeilen spielerisch bemerkbar machen, tauchen – mit wenigen Anpassungen – in anderen Werken erneut auf, etwa als feiernde Engelchen in der Lunette des Kreuzgangs von Santo Spirito in Florenz (Repertorium Nr. 7), in der modellhaften Darstellung der Himmelfahrt Mariens im Kloster San Girolamo in Fiesole (Repertorium Nr. 6) oder im Cupid mit der Distel in Glasgow (Repertorium Nr. 11). Teils rest., teils Retuschen.
Ausstellungen:
Pérouse, Palazzo Baldeschi al Corso, 17. September 2005 – 08. Juni 2006, Nr. 37. Mit zugehörigem Katalog: Francesco Federico Mancini, Gian Domenico Cerrini il Cavalier Perugino tra classicismo e barocco, Mailand 2005, S.184 Nr. 37, sowie Abb. S. 185. (1481803) (18)
Giovanni Domenico Cerrini,
also known as “Il Cavalier Perugino”,
1609 Perugia – 1681 Rome
THE RAPE OF EUROPA
Oil on canvas.
149 x 202 cm.
A painting depicting “Europa with three putti, six palms high and eight palms wide” is mentioned as early as 1685 in the inventory of paintings belonging to Vittoria Paratici, the widow of Gian Domenico Cerrini. It came into her possession as a dowry on the occasion of her second marriage (see exhibition catalogue F. F. Mancini, Appendix No. 56, contribution by F. F. Mancini). The description and dimensions correspond to the painting of The Rape of Europa discussed here, which appeared on the art market a few years ago and is now in a private collection.
To date, no other versions of this composition are known. It can be convincingly dated to the 1650s, possibly to Cerrini's most productive creative phase, facilitated by his connections with prominent figures in Roman patronage, including the Spada, Antonio Barberini, Colonna and Rospigliosi families (cf. the catalogue entries by F. F. Mancini and A. Marabottini). By this time, the artist had already developed an independent visual language that combines Bolognese classicism with the Baroque aspirations for lightness and movement. The result is a balanced synthesis of both movements, from which the artist draws freely, thereby developing an unmistakable personal style.
Exhibitions:
Perugia, Palazzo Baldeschi al Corso, 17 September 2005 – 8 June 2006, no. 37. With accompanying catalogue: Francesco Federico Mancini, Gian Domenico Cerrini il Cavalier Perugino tra classicismo e barocco, Milan 2005, p. 184, no. 37, and ill. p. 185.