Auktion: 6 Tage
Stand 10.09.2026
Lindenholz; verso gehöhlt. Maria, jugendlich gezeigt, in Sitzhaltung auf einer Thronbank, deren Wangen seitlich vortreten. Sie hält dem auf einem Kissen sitzenden Kind eine Frucht entgegen. Ihr hochgegürtetes Kleid umzogen von einem weit ausschwingenden Manteltuch, das die Knie teilweise bedeckt. Hier zieht eine Schrägfalte zu gebauschten Krüppelfalten herab. Darunter tritt eine Schuhspitze hervor. Das Kind in aufrechter Sitzhaltung, mit nahezu übereinander geschlagenen Beinchen, um die Hoheitswürde signifikant zu machen. Die innige Verbindung von Mutter und Kind wird durch die gegenseitige Kopfneigung angedeutet.
Markantes Stilmerkmal, das auf Michel Erhart weist, ist vor allem der Gesichtsausdruck der Mutter, mit betont hochgezogenen Brauen, was den Eindruck einer interessierten Wachheit erweckt – eine Beobachtung, die sich bei Erharts Frauenbildnissen immer wieder findet; so etwa bei seiner Schutzmantelmadonna um 1480 (Bode-Museum), der Reliquienbüste der Heiligen Magdalena um 1475/80 (Museum Ulm), wie ebenso bei der Büste der Heiligen Barbara (Liebighaus Frankfurt, um 1490). Farb- und Goldfassung ausgebessert, insbesondere die Inkarnatfassung weitgehend erhalten.
Der Bildhauer wirkte vorwiegend in Ulm und Umgebung, wo er 1469 belegt ist. Es wird vermutet, dass er sich auch in Straßburg und in den Niederlanden aufhielt. Erhart arbeitete zunächst in der Werkstatt von Jörg Syrlin d. Ä. (um 1425–1491 im Ulmer Münster, um alsbald hier seine eigene Werkstatt zu unterhalten, und u. a. von Ulrich Fugger für Augsburg zu arbeiten. Der Blaubeurer Hochaltar gilt als sein bedeutendstes Werk.
Literatur:
Vgl. Anja Broschek, Michel Erhart. Ein Beitrag zur schwäbischen Plastik der Spätgotik (= Beiträge zur Kunstgeschichte. Band 8), Berlin/ New York 1973.
Barbara Maier-Lörcher, Meisterwerke Ulmer Kunst, Ostfildern 2004.
Vgl. Brigitte Reinhardt (Hrsg.), Michel Erhart & Jörg Syrlin d. Ä. Spätgotik in Ulm. Kat. Ausst. Ulmer Museum, Stuttgart 2002. A.R. (1490787) (11)